Mineralstoffe
Fluorid
Bei Fluorid stimmt die Frage nicht, die eine Nährstoffliste stellt. Der Nutzen — Schutz vor Karies — entsteht am Zahn, durch Zahnpasta und fluoridiertes Salz, nicht dadurch, dass Fluorid in den Körper gelangt. Verschlucktes Fluorid trägt zum Schutz wenig bei, zur Belastung dagegen voll. Und die Belastungsseite ist gerade neu bewertet worden: Die EFSA hat 2025 die Obergrenze für Erwachsene von 7 auf 3,3 mg am Tag mehr als halbiert — und damit unter den deutschen Referenzwert von 3,5 mg. Ziel und Grenze fallen bei Fluorid inzwischen zusammen. Anlass war nicht der Zahn und nicht der Knochen, sondern die Nervenentwicklung: Das US-Toxikologieprogramm sieht seit 2024 mit mittlerer Sicherheit einen Zusammenhang zwischen höherer Fluoridbelastung und niedrigerem IQ bei Kindern. Für dich heißt das: Zähne putzen ja, Fluorid essen nein — und den Wert hier nicht als Ziel lesen, das du erreichen solltest.
Der Referenzwert
3,5 mg Zufuhr je Tag, Gesamtzufuhr aus allen Quellen
Angemessene Gesamtzufuhr nach D-A-CH / DGE, Fassung 2024, Männer 25 bis unter 51 Jahre. Nach Geschlecht: Männer 3,5 mg, Frauen 3,1 mg. Zwei Dinge machen diesen Referenzwert besonders. Erstens ist er eine Gesamtzufuhr und nicht die Zufuhr aus Essen: Er umfasst Trinkwasser, fluoridiertes Speisesalz und die Zahnpasta, die beim Putzen verschluckt wird. Aus einem Essensprotokoll allein ist er nie zu erreichen. Zweitens — und das ist neu — liegt er inzwischen über dem Wert, den die EFSA als sichere Obergrenze ansieht. Die App misst seit dem 21.08.2026 nicht mehr gegen diese 3,5 mg. Sie führt Fluorid als Obergrenze und misst gegen die 3,3 mg der EFSA — für Erwachsene und ohne Unterschied nach Geschlecht, weil die EFSA keinen macht.
Wo der Wert langfristig liegen sollte
1,5 bis 3,3 mg
Fluorid ist der Eintrag, bei dem sich die Bewertung gerade vor unseren Augen verschiebt — und zwar in Richtung Vorsicht. Bis vor Kurzem galt: Referenzwert 3,5 mg, Obergrenze 7 mg, dazwischen viel Luft. Im Jahr 2025 hat die EFSA neu bewertet und diese Luft weitgehend beseitigt: Der sichere Zufuhrwert für Erwachsene liegt jetzt bei 3,3 mg je Tag — also unter dem deutschen Referenzwert von 3,5 mg. Anlass war nicht die Karies und nicht der Knochen, sondern die Entwicklungsneurotoxizität. Für Fluorid gibt es damit keine sinnvolle „je mehr, desto besser"-Richtung mehr: Ziel und Grenze fallen praktisch zusammen. Nach unten bleibt der Kariesschutz belegt — er wirkt aber vor allem örtlich am Zahn und nicht über den Blutweg, was die Frage nach der optimalen Zufuhr ohnehin entwertet. Der entscheidende Punkt, und er spricht gegen die Speiche im Kranz: Der Kariesschutz des Fluorids ist weit überwiegend ein örtlicher Effekt an der Zahnoberfläche. Fluoridzahnpasta wirkt dort, wo sie aufgetragen wird. Verschlucktes Fluorid trägt zum Kariesschutz wenig bei, zur Belastung dagegen voll. Wer die Frage stellt „wie viel Fluorid soll ich essen?", stellt damit schon die falsche Frage.
Marken
- Nach unten eng unter 1,5 mg Gesamtzufuhr
Unterhalb dieses Bereichs ist der kariesvorbeugende Beitrag der systemischen Zufuhr gering. Praktisch ohne Bedeutung, solange fluoridhaltige Zahnpasta benutzt wird — die trägt den Schutz. Für Menschen ohne Zahnpflege oder ohne Zugang zu fluoridiertem Salz sieht die Rechnung anders aus. Deutsche Gesellschaft für Ernährung 2024
- Höchstmenge ab 3,3 mg Gesamtzufuhr, Erwachsene
Ziel und Grenze fallen zusammen. Die alte Obergrenze lag bei 7 mg je Tag und stützte sich auf ein erhöhtes Knochenbruchrisiko in randomisierten Studien an Frauen nach den Wechseljahren. Die Neubewertung von 2025 hat sie mehr als halbiert und die Begründung ausgetauscht: Jetzt ist die Entwicklungsneurotoxizität der maßgebliche Endpunkt. Für Kinder liegen die Werte deutlich niedriger — 1 mg unter einem Jahr, 1,6 mg von 1 bis 3, 2 mg von 4 bis 8 Jahren. EFSA Journal 2025
- Toxisch ab 10 mg Gesamtzufuhr, über Jahre
Skelettfluorose: Fluorid lagert sich in den Knochen ein, macht sie dichter, aber spröder, verkalkt Bänder und Sehnen und führt in schweren Fällen zu Versteifung und Verkrümmung der Wirbelsäule. Endemisch in Teilen Indiens, Chinas und des ostafrikanischen Grabenbruchs, wo Grundwasser sehr fluoridreich ist. In der EU-Bevölkerung nicht beschrieben. SCHER
- Toxisch ab 1,5 mg/l im Trinkwasser Trinkwasser
Die Schwelle, um die derzeit gestritten wird. Das US-amerikanische National Toxicology Program kam 2024 mit mittlerer Sicherheit zu dem Schluss, dass eine höhere Fluoridbelastung mit einem niedrigeren IQ bei Kindern einhergeht, gestützt auf Wasserkonzentrationen ab 1,5 mg/l. Eine Metaanalyse in JAMA Pediatrics fasste 2025 über 70 Studien zusammen und fand denselben umgekehrten Zusammenhang — in der Teilmenge der hochwertigen Studien auch unterhalb von 1,5 mg/l. Die EFSA beurteilt die Datenlage unterhalb dieser Marke dagegen als uneinheitlich. Bemerkenswert und unstrittig ist die Rechnung, die sie daraus zieht: Läge Trinkwasser am EU-Grenzwert von 1,5 mg/l, überschritte die Gesamtaufnahme die neuen Obergrenzen — besonders bei Kindern zwischen 4 und 8 Jahren. Der gesetzliche Grenzwert ist damit nach eigener Bewertung nicht mehr ausreichend schützend. National Toxicology Program 2024
Die Wirkung — was die Studien sagen
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senkendstarker Beleg
Der belegte Nutzen, und der Grund, warum Fluorid überhaupt in Referenzwertlisten steht. Fluorid baut sich in den Zahnschmelz ein, macht ihn säurebeständiger und fördert die Wiedereinlagerung von Mineral in beginnende Läsionen. Entscheidend für diesen Eintrag: Die Wirkung ist weit überwiegend örtlich. Zahnpasta, Gel und fluoridiertes Salz wirken am Zahn; was in den Blutkreislauf gelangt, trägt nur einen kleinen Teil bei. Deutsche Gesellschaft für Ernährung 2024 SCHER
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schädigend bei hoher Belastungmehrere Beobachtungen
Der Befund, der die Bewertung gedreht hat. NTP 2024: mittlere Sicherheit für einen Zusammenhang zwischen höherer Fluoridbelastung und niedrigerem IQ bei Kindern, bezogen auf Wasserwerte ab 1,5 mg/l. JAMA Pediatrics 2025: Metaanalyse über 70 Studien mit demselben Ergebnis, in hochwertigen Studien auch darunter. Die EFSA hat diesen Endpunkt 2025 zum maßgeblichen gemacht und die Obergrenze daran neu ausgerichtet — hält die Evidenz unterhalb von 1,5 mg/l aber für uneinheitlich. Für 0,7 mg/l, den US-Wert der Wasserfluoridierung, reichen die Daten nicht aus. National Toxicology Program 2024 Annals of Global Health 2025 EFSA Journal 2025
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schädigend bei Überschuss im Kindesalterstarker Beleg
Weiße Flecken bis bräunliche Verfärbungen und Schmelzdefekte, entstehen ausschließlich während der Zahnbildung — also bis etwa zum achten Lebensjahr. Danach nicht mehr möglich. Das ist der Grund für die deutlich niedrigeren Obergrenzen bei Kleinkindern und für die Empfehlung, Kinderzahnpasta niedriger zu dosieren. EFSA Journal 2025 SCHER
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erhöhend bei hoher Zufuhrstarker Beleg
Die frühere Begründung der Obergrenze von 7 mg: In randomisierten Studien an Frauen nach den Wechseljahren, in denen Fluorid gegen Osteoporose eingesetzt wurde, stieg die Knochendichte — und zugleich die Zahl der Brüche. Ein lehrreicher Fall dafür, dass mehr Mineral im Knochen nicht dasselbe ist wie ein stabilerer Knochen. EFSA Journal 2025
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keine Datenunklar
Wie bei Molybdän: Kohortenstudien zu Fluoridzufuhr und Sterblichkeit oder Alterungsmarkern gibt es nicht. Die gesamte Diskussion dreht sich um Zähne, Knochen und Nervenentwicklung. EFSA Journal 2025
Wo am meisten drinsteckt
- Schwarzer Tee, aufgebrüht — 0,25 mg je 100 g · 0,63 mg je Portion (250 ml (eine Tasse)) Chan et al. 2013
Die mit Abstand größte Quelle im Essen — vier Tassen liegen bei rund 2,5 mg und damit nahe am sicheren Zufuhrwert von 3,3 mg für den ganzen Tag. Die Teepflanze reichert Fluorid aus dem Boden an, alte Blätter mehr als junge. Billige Teebeutel aus Blattresten erreichten in einer britischen Untersuchung 3,6 bis 8,0 mg je Liter, also das Mehrfache des hier angesetzten Werts.
- Fluoridiertes Speisesalz — 25 mg je 100 g · 0,75 mg je Portion (3 g (die übliche Tagesmenge beim Selberkochen))
Enthält 250 mg Fluorid je Kilogramm. In Deutschland ist es zusammen mit Jod im selben Salz zu haben — wer zum Jodsalz greift, nimmt das Fluorid oft unbemerkt mit.
- Mineralwasser, fluoridreich — 0,1 mg je 100 g · 1,5 mg je Portion (1,5 Liter)
Deutsche Wässer liegen zwischen praktisch null und über 1 mg je Liter; ab 1,5 mg/l muss „fluoridhaltig" auf dem Etikett stehen. Das ist der Posten mit der größten Streuung zwischen zwei Menschen, die identisch essen.
- Sardinen, mit Gräten — 0,9 mg je 100 g · 0,9 mg je Portion (100 g (eine Dose))
Fluorid lagert sich im Knochen ab — deshalb tragen nur Fische mit mitgegessenen Gräten nennenswert bei.
- Leitungswasser — 0,03 mg je 100 g · 0,45 mg je Portion (1,5 Liter)
In Deutschland wird Trinkwasser nicht fluoridiert; die natürlichen Gehalte liegen meist unter 0,3 mg je Liter. In fluoridierenden Ländern sind es 0,7 bis 1 mg/l — dort ist das Leitungswasser die Hauptquelle und dieser Eintrag anders zu lesen.
Quelle der Gehalte: Nährwerttabellen (DGE, EFSA-Expositionsdaten) sowie Gehaltsangaben für fluoridiertes Speisesalz nach deutscher Zusatzstoff-Zulassungsverordnung (2026)
Die Regeln zum Zubereiten
- Nach dem Zähneputzen ausspucken, nicht ausspülen. — Die einzige Fluorid-Regel, die wirklich zählt — und sie steht im Bad, nicht in der Küche. Der Kariesschutz entsteht örtlich an der Zahnoberfläche, nicht über den Blutweg. Ausspülen mit Wasser senkt die Fluoridkonzentration im Speichel um das Zweieinhalbfache; ohne Spülen bleibt sie bis zu 30 Minuten länger erhöht. Auf die aufgenommene Menge im Körper wirkt sich das nicht aus — genau das ist der Punkt: Wirkung und Zufuhr sind bei Fluorid zwei verschiedene Dinge. BDJ Open 2022
- Tee kürzer ziehen lassen und Blatttee statt Blattresten nehmen, wenn viel Tee getrunken wird. — Fluorid geht schnell ins Wasser über; schon nach fünf Minuten ist der größte Teil in der Tasse. Entscheidender als die Ziehzeit ist die Ware: Fluorid reichert sich in alten Blättern an, und billige Beutel aus Blattbruch und Fannings erreichen ein Vielfaches von losem Blatttee. In Regionen mit Ziegeltee aus sehr alten Blättern ist genau das die Ursache von Skelettfluorose. Scientific Reports 2021
- Zu einer Mahlzeit mit Milch oder Käse wird weniger Fluorid aufgenommen. — Kalzium und Magnesium bilden mit Fluorid schwerlösliche Verbindungen. Auf nüchternen Magen wird Fluorid aus Wasser praktisch vollständig aufgenommen, zu einer kalziumreichen Mahlzeit deutlich langsamer und mit niedrigerem Spitzenwert im Blut. Bemerkenswert ist, wo dieser Effekt herkommt: Er zeigt sich mit Kalzium aus dem Essen, nicht mit Kalzium aus Präparaten. EFSA Journal 2025
- Säuglingsnahrung nicht mit fluoridreichem Mineralwasser anrühren. — Der einzige Punkt dieses Eintrags mit einem konkreten Risiko. Bei Kleinkindern entsteht durch dauerhaft hohe Zufuhr Zahnfluorose, und Säuglingsnahrung wird mit dem Vielfachen des Körpergewichts an Flüssigkeit zubereitet. Für Säuglingsnahrung geeignete Wässer sind entsprechend gekennzeichnet. SCHER
- Diese Zeilen ergeben zusammen keine Zielgröße, die man anstreben sollte. — Ausdrücklich vermerkt, weil die Anwendung Fluorid sonst wie einen Nährstoff behandelt, den man sammeln soll. Der Referenzwert ist eine Gesamtzufuhr einschließlich verschluckter Zahnpasta, die ein Essensprotokoll nie erreichen kann — und er liegt inzwischen über dem sicheren Zufuhrwert der EFSA von 3,3 mg. Wer die Zufuhr über das Essen erhöhen will, verschiebt die Belastung nach oben, ohne den Nutzen zu heben, denn der entsteht am Zahn. EFSA Journal 2025
Was daran offen ist
- Die Bewertung ist in Bewegung. Zwischen der DGE-Fassung von 2024 und der EFSA-Bewertung von 2025 liegt ein Richtungswechsel: Die Obergrenze wurde mehr als halbiert und die Begründung von Knochenbrüchen auf Nervenentwicklung umgestellt. Wer diesen Eintrag in einem Jahr liest, sollte prüfen, ob die DGE nachgezogen hat.
- Die IQ-Befunde stammen überwiegend aus Regionen mit natürlich hohem Fluoridgehalt im Grundwasser — China, Indien, Iran, Mexiko. Confounding durch andere Schadstoffe, Bildung und Ernährung ist eine ernsthafte Alternativerklärung, und genau darum wird methodisch gestritten. NTP und JAMA Pediatrics sehen den Zusammenhang, die EFSA hält die Datenlage unterhalb von 1,5 mg/l für uneinheitlich.
- Die Zufuhr aus einem Essensprotokoll zu schätzen, ist bei Fluorid aussichtsloser als bei jedem anderen Eintrag: Der größte Einzelposten ist oft das Trinkwasser, dessen Fluoridgehalt regional zwischen nahe null und über 1 mg/l schwankt, dazu kommen Zahnpasta, Tee — schwarzer Tee ist eine überraschend starke Quelle — und ob im Haushalt fluoridiertes Speisesalz verwendet wird.
- Der Nutzen ist örtlich, die Belastung systemisch. Diese Asymmetrie macht die Frage nach einer optimalen Tageszufuhr grundsätzlich fragwürdig — anders als bei allen anderen Einträgen dieser Datei.
- Für Longevity im engeren Sinn liegen keine Daten vor. Weder Sterblichkeit noch Alterungsmarker sind untersucht.
Belege
- Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr — Fluorid, Fassung 2024 (2024)
- Updated consumer risk assessment of fluoride in food and drinking water including the contribution from other sources of oral exposure (2025)
- NTP Monograph: State of the Science Concerning Fluoride Exposure and Neurodevelopment and Cognition (2024)
- Addressing Critiques of the Evidence Linking Fluoride and Children's IQ (2025)
- Critical review of any new evidence on the hazard profile, health effects, and human exposure to fluoride and the fluoridating agents of drinking water
- Nährwerttabellen (DGE, EFSA-Expositionsdaten) sowie Gehaltsangaben für fluoridiertes Speisesalz nach deutscher Zusatzstoff-Zulassungsverordnung (2026)
- Human exposure assessment of fluoride from tea (Camellia sinensis L.): A UK based issue? (2013)
- Effects of brewing conditions on infusible fluoride levels in tea and herbal products and probabilistic health risk assessment (2021)
- Salivary fluoride concentration following toothbrushing with and without rinsing: a randomised controlled trial (2022)
Stand der Recherche: 2026-08-15